Aus gegebenem Anlass: #leipzigerbuchmesse

 
Suhrkamp Verlag: Twitter
 

Aus gegebenem Anlass: »Außergewöhnlich hohes Reisendenaufkommen, eine Mitfahrt kann nicht garantiert werden. Bitte wählen Sie eine andere Verbindung. 2. Klasse: Alle Sitzplätze bereits reserviert.« Dann also über Bitterfeld!

 

Aus gegebenem Anlass: In der Bahnhofsvorhalle läuft Robert Menasse an mir vorbei, mit blauer Wollmütze, großem Trekkingrucksack und einer Reisetasche auf Rollen steuert er zielstrebig das DB Reisezentrum an. Dann quert Raimund Fellinger die Halle, ich sehe ihn nur noch von hinten, wie er sich flink durch die Tür schiebt. Direkt vor mir verschwindet indessen Andreas Stichmann in den Tiefen der Bahnhofspromenade, von der Rolltreppe hinabgerissen. – Schon am frühen Morgen bebt die Stadt.

 

Aus gegebenem Anlass: Ein schneller Abstecher zu Rewe – die Schuhe, die ich heute extra wegen der Preisverleihung angezogen habe (ich bin so aufgeregt!), sind nicht eingelaufen und scheuern an der Achillessehne, sodass sich ein Blutfleck auf der hellen Socke ausbreitet. Also Pflaster kaufen, Schuh aus, Wunde abkleben, die Socke so weit herunterziehen, dass der Blutfleck unter der Fußsohle im Schuh verschwindet, und weiter.

 

Aus gegebenem Anlass: »Hier können Sie noch nicht durch, die Messe öffnet erst um 10 Uhr!« Als das Sicherheitspersonal um 9.55 Uhr die Absperrung aufhebt und sich der Strom in die Halle ergießt, verzweifelt der Fotograf, der gerade noch Aufnahmen vom F.A.Z.-Stand machen wollte, weil ihm jetzt immerzu Menschen durchs Bild laufen.

 

Aus gegebenem Anlass: Dass es alle immer besser wissen, mein Gott! (»Alle« ist natürlich übertrieben, eigentlich sind es nur zwei Herren neben mir, die ich belausche – sie plädieren für Rauswerfen oder nix –, und ich selbst, der ich glaube, es besser zu wissen als sie, oder so …)

 

Aus gegebenem Anlass: »Ist das Mikro schon an?« – »Sie müssen noch näher heran.« – »Hört man mich?«

 

Aus gegebenem Anlass: Bist du gut angekommen, hat alles geklappt, ist schon was passiert, wo ist dein Koffer, hast du ein Kaugummi, wie lang bleiben Sie, wie wär’s am Nachmittag, treffen wir uns am Stand, haben Sie eigentlich meine Karte, kennt ihr euch, hast du viele Termine oder bist du einfach so da, wo bist du untergebracht, sollen wir dann ein Taxi nehmen, könnten Sie mir dafür eine Quittung geben, hast du eine Einladung?

 

Aus gegebenem Anlass: Eigentlich kann man nur widersprechen, denke ich. Die Moderatorin fragt nicht, worum es geht, sondern fasst das Buch zusammen und fragt dann, ob das so richtig sei. Zuvor: »Da muss noch ein bisschen mehr drauf, das schluckt die Kamera.« – »Ich schminke mich sonst nie.«

 

Aus gegebenem Anlass: »Wisst ihr, wo die ihre Stände haben?« – »Nein, aber ich wollte dort auch nicht vorbeischauen. Die beste Taktik scheint mir jedenfalls zu sein, nicht zu wissen, wo die sind.« (Das geflügelte Marketing-Wort, jede Publicity sei gute Publicity, auch die schlechte, findet am Abend eher keine Zustimmung; als ich Richtung Hotel schlendere, säuselt Audio88 in mein Ohr: »Relativieren ist niemals eine Meinung!«)

 

Aus gegebenem Anlass: Für den Abend stehen vier Lesungen, zwei Partys und ein Empfang zur Auswahl. Morgen hat F. Geburtstag und will reinfeiern. Auch wenn noch nicht ganz feststeht, welche Stationen es letztlich werden, sage ich allen: Wir sehen uns später!, könnte ja auch morgen gemeint sein, auf dem Messegelände, in der Halle, am Stand.

 

Aus gegebenem Anlass: »Kann man wohl zur Currywurst Kartoffelsalat nehmen?« – »Du meinst, wenn du schon mal raus aus Berlin bist?« – »Ja, die Dame vor mir wurde eben gefragt: ›Brötchen oder Kartoffelsalat?‹« – »Ich glaube, das nehme ich auch.«

 

Aus gegebenem Anlass: Gegenseitiges Lob für die Wahl des Outfits, letzte Spekulationen, individuell gerötete Wangen und dann auch schon der Countdown.

 

Aus gegebenem Anlass: »Du hast aber einen guten Sitzplatz.« – »Ich bin gar nicht da …« – Oh, ich habe die Aufzeichnung aus dem letzten Jahr gesehen.«

 

Aus gegebenem Anlass: Aufspringen. Wenig später: Freudentränen.

 

Aus gegebenem Anlass: Zwei neue Nachrichten, als ich mein Handy wieder einschalte. B. hat geschrieben: »ich mache sehr viele Screenshots, wenn du ein internetfähiges Handy hättest, könnte ich sie dir zukommen lassen«, und: »Jacob ich seh dich im Livestream!«

 

Aus gegebenem Anlass: Eine Lesereise wird abgesagt.

 

Aus gegebenem Anlass: Die Freude des einen Autors, einen anderen Autor kennengelernt zu haben. (M. war eben noch auf seiner Veranstaltung und schrieb: »Grad die Lesung geguckt. Das war sehr sympathisch. Lustig, wie Schuljungen-Heinzelmännchen-mäßig er wirkt, und sobald er sitzt überhaupt nicht mehr. Da nehm ich doch gleich mal das Buch mit.«)

 

Aus gegebenem Anlass: »Doch, ich war auch auf der Tropen-Party. Eine Stunde vielleicht. Einmal von der Tür bis zum anderen Ende und wieder zurück.«

 

Aus gegebenem Anlass: Vorsicht ist geboten im Frühstücksraum. Am Nachbartisch sitzt eine Autorin, weiter hinten der Programmleiter von Piper. Wer weiß, wer sonst noch so mithört!

 

Aus gegebenem Anlass: Senthuran Varatharajah spricht sich gegen Quoten aus, stattdessen ginge es darum, »den Blick zu weiten, um ungekannte Perspektiven«.

 

Aus gegebenem Anlass: »Welches Buch soll ich klauen?«

 

Aus gegebenem Anlass: Ein Zitat aus Keine Angst, mein Herz von Olivia Wenzel:
»– Seit ich in den USA bin, sehe ich zuallererst die Hautfarbe der Menschen.
– OKAY.
– Es vergeht keine Stunde, in der ich nicht über die Konstruktion von Ethnie und Identität nachdenke.
– COOL.
– Nein.
– JETZT MACHST DU WIEDER DAS GESICHT. LASS DAS BITTE, DAS IST DEIN WEISSES PRIVILEG-GESICHT.
– Sorry, das war unbewusst.«

 

Aus gegebenem Anlass: »Hast du eigentlich etwas vom Schwerpunktland mitbekommen?« – »Nö, eher nicht.«

 

Aus gegebenem Anlass: Ijoma Mangold kommt mit lautstarker Begleitung zu spät zur Lesung, setzt sich dann in die erste Reihe, direkt vor die Debütantin, die unbeeindruckt zwei Auszüge aus ihrem Buch liest.

 

Aus gegebenem Anlass: Der Autor, der am Ende lesen sollte, wird nicht mehr rechtzeitig ankommen – draußen schneit es immer noch, er steckt 40 Kilometer vor Leipzig fest.

 

Aus gegebenem Anlass: Mein Vater erzählt mir am Telefon den DDR-Witz über die vier Feinde der Deutschen Reichsbahn: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ich wiederhole ihn ungefähr fünfmal am Tag, allerdings nicht ohne den Hinweis, dass es ein Witz meines Vaters sei.

 

Aus gegebenem Anlass: »Aufgrund von Weichenstörungen durch Schnee und Eis kommt es im Raum Leipzig Hbf und Halle Hbf zu Einschränkungen im Bahnverkehr.« Mit anderen Worten: Alle Züge nach Berlin fallen aus.

 

Aus gegebenem Anlass: Eine Schlange am Infostand, es heißt, nach Berlin würden drei Busse fahren, vom Bussteig 5, da vorn, unter der Uhr runter und dann links. Eine halbe Stunde später ist noch nichts passiert – vielleicht fahren ja doch keine Busse –, die Wartenden bleiben jedoch wachsam, steuern kollektiv jeden Reisebus an, der an den anderen Bussteigen hält, um dann geschlossen wieder an den Ausgangspunkt zurückzukehren. Wer drinnen wartet, hat eigentlich schon verloren. Dann spurten auf einmal wieder alle los, diesmal begleitet von einer DB-Service-Dame, und tatsächlich: zwei Busse nach Berlin. Sie sind innerhalb von Sekunden voll, N. hat noch einen Platz erwischt, M. und ich müssen wieder aussteigen.

 

Aus gegebenem Anlass: M. holt uns Tee, ich halte die Stellung. Als sie zurück ist, machen wir aus, dass sie uns, wenn der nächste Bus kommt, Sitzplätze sichert, während ich unsere Rucksäcke unten im Gepäckfach verstaue.

 

Aus gegebenem Anlass: Wir machen eine Zeit aus, zu der wir das Warten aufgeben. – Aber nach insgesamt etwas mehr als anderthalb Stunden haben wir schließlich Glück.

 

Aus gegebenem Anlass: Ein Summen erhebt sich über den Lehnen, alle sprechen miteinander, erleichtert und froh. Meine Ohrläppchen glühen. Noch nie habe ich eine so schöne Busfahrt erlebt.

 

Aus gegebenem Anlass: »konntest du fahren? bist du gut heimgekommen? jetzt gleich lyriknacht, freu mich aber schon aufs bett. hab morgen einen guten freien tag«

 

Aus gegebenem Anlass: Kaum in Berlin angekommen, überfällt mich die Müdigkeit. In der S-Bahn peitscht mich Audio88 wieder hoch: »Nichts bringt meine Gefühle so gut auf den Punkt wie ein Hashtag. Und so nenn ich dann mein Album: Raute Gefühl.«

 

Aus gegebenem Anlass: Dieser Artikel entspricht der Meinung des Autors und spiegelt nicht die Meinung der Redaktion wider.