02.09.2015  14:35

Während ich Herrndorfs Arbeit und Struktur lese, überlege ich, ob ich mein Tagebuch nicht digital weiterführen sollte. Vorletzte Hemmschwelle vor online – oder letzte? Gleichzeitig Sorge, dass eben das eintritt: Herrndorf als Vorbild sichtlich zu erkennen ist, also offensichtlich. (Eh ein schmaler Grat: das eigene Schicksal auszuschlachten. – In Grenzfluss tue ich das zwar auch, aber nicht so eindeutig. Autobiografische Züge, ja, Zusammenfallen von Autor und Erzähler, nein. – M. meinte einmal sinngemäß: »Wir versuchen doch alle, einen Vorteil aus unserer Biografie zu schlagen.« Recht hat er.) Das Gedankenspiel fühlt sich dennoch fast wie ein Entschluss an. (Was wird passieren, wenn ich zu Hause bin und das MacBook aufklappe? – Ich bin mir noch unsicher.)

 

03.09.2015  13:16

Arbeit und Struktur zu lesen, beruhigt mich. (Vielleicht weil es die Tagträume in eine Richtung lenkt, in der alles möglich ist – oder zumindest mehr, als ich mir erträumte. Sobald ich das Buch zur Seite lege, stampft wieder »I see a mountain at my gates …« durch meinen Kopf. Aber der Rest – das Aufräumen, der Umzug, die Sorge um eine neue Wohnung, der Konflikt mit meinem Mitbewohner – kann warten. »Ich habe die Weltformel gefunden.«)

 

07.09.2015  12:58

Während ich vor dem Deutschen Theater in Berlin auf H. warte, rechne ich durch, wie viel mich eine neue Wohnung monatlich kosten wird, überlege, ob ich nicht doch auf N.s Angebot eingehen soll, weil es so unglaublich gut klingt, auch wenn ich J. und B. dann im Stich lassen würde, zweifle noch daran, weil ich Angst vor einer depressiven Episode habe, aus der ich allein kein Entrinnen sehe, und stelle fest, dass es einen eklatanten Unterschied zwischen Existieren und Leben gibt, ich aber nicht existieren (Depression), sondern leben möchte (keine Depression) – auch wenn mir für den Moment die Zuversicht der letzten Wochen wieder abhanden gekommen ist. (»Hallo Berlin!«)

 

09.09.2015  13:23

Seit vielen Wochen wieder – zum ersten Mal – geweint. Einfach so. (Weinen hat wenig mit Traurigkeit zu tun.) Vielleicht weil alles so scheiße ist, eine Wohnung zu finden, dass das Geld knapp ist, ich mit meiner Studienarbeit noch nicht begonnen habe, H. vergeblich anruft, weil ich abzunehmen gerade nicht imstande bin – mir einfach wieder alles zu viel ist. Gefühl: Verzweiflung. Intensität: 8. (Ich kenne das noch schlimmer, immerhin.)
Freue mich hingegen, in anderthalb Stunden mit den Jungs Basketball zu spielen, weil: Bewegung immer gut. Bis dahin lasst mich hier auf der Parkbank sitzen.

 

11.09.2015  03:34

Heute hat es sich wie ein Entschluss angefühlt, dass ich den Blog starte. Als ich bei K. war, habe ich ihr fast ein wenig stolz davon erzählt. Gerade fühlt es sich aber eher so an, als ob es mir entgleitet, alles. Ich habe es irgendwie verpasst, schlafen zu gehen, jetzt Angst davor, weil ich befürchte, zu verschlafen, was mir nicht passieren darf, weil ich das H., den ich morgen besuche, nicht antun kann. Ein schlechtes Gewissen habe ich auch, weil ich mich nicht mehr bei A. gemeldet habe, nicht bei M., nicht bei C., nicht bei A. und nicht bei V.. »Es ergab sich nicht die Möglichkeit« – ich weiß es nicht.
Wegen meines Praktikums müsste ich eigentlich auch noch ein, zwei Absprachen treffen, den Umzug vorbereiten – für beides bräuchte ich allerdings endlich eine Wohnung, einen Umzugstermin und all das. Ich bekomme es mal wieder nicht auf die Reihe. Struktur – puh! Dahin! Und wieder, wie vor der Therapie, das Gefühl, dass ich von außen wüsste, was zu tun ist, aber irgendwie keine Zeit, keine Lust oder beides nicht habe, oder was weiß ich. Gibt es mal den Punkt, an dem man nicht mehr das Gefühl hat, hinterherzurennen? (Oder eher: An dem ich das Gefühl habe?) Oder sollte ich das gleich wieder streichen, »weil es nun mal immer weitergeht, weil es nun mal so geht«?
Mir fallen schon die Augen zu und ich springe endlich ab. (Hoffe, dass es klappt!)

 

11.09.2015  12:11

Auf dem Weg zu H. nach Bremen zunächst über die Verspätung geärgert – dass andere darunter leiden müssen, mir am Ende nicht glauben könnten, damit komme ich nicht klar –, jetzt darüber gefreut, dass die Anzeige nach dem Signalton zunächst »Nächster Halt« angezeigt hat, und dann: »11.09.2015 12:11«. Willkommen im Hier und Jetzt, ich würde gern aussteigen!

 

12.09.2015  17:23

Bei H. erlebe ich, und höre ich, wie schwierig so ein Leben sein kann – das, was man gemeinhin wohl Schicksalsschläge nennt. Gleichzeitig lässt mein Besuch die Zuversicht wieder wachsen: Es geht immer irgendwie weiter und – vor allem – es gibt immer Stellen und Menschen, die einem helfen. Ein Hoch auf den Sozialstaat! (Ich meine das ernst.)

 

13.09.2015  18:48

Den ganzen Tag nicht mehr so richtig bei der Sache. In Gedanken häufig schon zu Hause, bei den Dingen, die erledigt werden wollen, weil sie erledigt werden müssen, oder so. Vielleicht hätte ich früher abspringen sollen? Ich weiß es nicht. Ob die Unzufriedenheit auch da herrührt? Irgendetwas ist es jedenfalls, was mich unruhig zurücklässt, oder auch dass ich Mama anrufen wollte, mein Akku aber fast leer ist. Kopfkino, dass sie sich ärgern könnte, was ich noch immer nicht so gut abkann. – Unzuverlässigkeit passt so gar nicht zum verzerrten Bild, das ich von mir habe. (Gern würde ich glauben können, dass die Dinge gut sind, wie sie sind. Aber dass es dann noch Gründe geben könnte, mich zu mögen, wenn die Dinge sind, wie sie gerade sind, kann ich mir nicht vorstellen. »Warum bin ich gerade nur so abgefuckt?«)

 

13.09.2015  19:17

Bis mein Akku tatsächlich versagt, mit Mama telefoniert – alles Wichtige auch klären können. Immer wieder davon überrascht, wenn die Dinge, die mich belasten, sich in Wohlgefallen auflösen, quasi von selbst erledigen. Danke dafür! (Ernsthaft.)

 

15.09.2015  16:16

Während ich in der Innenstadt eine Currywurst esse, schaut mich die Bedienung auffordernd an, als sie hinter dem Tresen hervorkommt, hinter dem sie heimlich selbst gegessen hat, um sich ein Getränk zu holen. Irritiert von ihrem Blick überlege ich, ob ich etwas im Gesicht habe, vielleicht in den Haaren, aber kann keine Fläche finden, in der ich mich spiegeln würde, und mit den Händen auch nichts ausmachen. (Doof nur: Farbe o. ä. kann man nicht ertasten.)
Dann der Gedanke, dass sie mich vielleicht nur beobachtet hat, weil ich sie beobachte, die Bedienung, ein Mann, und die sich selbst erfüllende Prophezeiung, oder eher: Spirale.

 

18.09.2015  00:38

Sag mir, dass alles gut wird, und ich versuche, es zu glauben. (Sag mir, dass alles gut wird, dann kann ich schlafen.)

 

20.09.2015  17:58

Vielleicht nicht gut auf mich geachtet, vielleicht zu hohe Erwartungen. Alles zu viel. – Genieß die Opferrolle!

 

26.09.2015  14:41

Traum: Ich rufe bei einer Service-Hotline an. Offensichtlich habe ich einen besonderen Status, jedenfalls werde ich sogleich von einer menschlichen Stimme begrüßt, die mich anschließend dennoch in einer Warteschleife abstellt. Alles läuft zu meiner Zufriedenheit. Ich lege auf und bin mit einem dicken, halbnackten Mann an einem See. Das Ufer ist überfüllt. Wir laufen um den See herum, bis wir an einem heruntergekommenen Gebäudekomplex ankommen, der wohl Sanitäranlagen und Umkleidekabinen beherbergt. Der Dicke will sich umziehen. Dann bin ich in der Stadt, mit einer Gruppe älterer Frauen, eine ist scheinbar meine Mutter. Eine andere werkelt besorgt an einem Kopiergerät herum, weil sie Cover für eine DVD herstellen muss. Wenig später machen wir uns auf den Weg. Wohin die anderen Frauen gehen, weiß ich nicht, »meine Mutter« und ich begleiten das Kleinkind der anderen. Es soll eine Rede halten, die anderen Frauen werden wir später wiedersehen. Als ich neben dem Kind gehe, greift es ganz natürlich nach meiner Hand und lässt die »meiner Mutter« auf der anderen Seite los. Ich führe es vorsichtig über die Straße und schaue mich dabei ständig nach allen Seiten um. »Meiner Mutter« scheint das zu missfallen. Am Ort angekommen, an dem das Kind seine Rede halten soll, schaut es mich panisch an, hält kurz inne, und guckt anschließend erleichtert, bevor es das Podest mit dem Rednerpult betritt. Dort bricht es in Tränen aus. Ich eile nach vorn, halte kurz seine Hand, streiche ihm über die Wange, und es ist zu meiner Erleichterung augenblicklich wieder ruhig. Als ich zu »meiner Mutter« zurückkehre, meint sie, dass es nicht gut war, dass ich das Kind getröstet habe. Ich sage, dass ich glaube, dass es sich eingekackt hat und wir ihm die Windel wechseln sollten. »Meine Mutter« sagt, Nein. Ich sage, gut, dann mache ich das eben, du musst mir aber zeigen, wie es geht. Sie sagt, Nein, weil so viel Presse anwesend sei, wäre das nicht gut. Ich beschimpfe sie, wobei ich mehrfach »Boulevardzeitungen« sage. Dann verlasse ich den von Säulen durchzogenen Raum und laufe unter Tränen den sonnigen Kiesweg entlang. Als ich nach links abbiege, bemerke ich trotz des Tränenschleiers, dass es blitzt, und weiß, dass ich von den Boulevardzeitungen fotografiert worden bin, warum auch immer.
Als ich erwache, bin ich mir sicher: Ich war ich, aber auch das Kind.

 

29.09.2015  22:41

Während L.s Kopf auf meinem liegt, während ich heule und heule, nachdem wir ein tiefgründiges Gespräch geführt haben, das mich wiederholt an meine Grenzen stieß (ich würde so vieles gern verstehen), habe ich den Eindruck, dass der Arm, auf dem mein Kopf liegt, unfassbar groß ist, und auch mein Kopf ein Wasserkopf, genauso wie L.s. Zwei Riesenköpfe auf den Körpern von Babys.
Wiederzugeben, was genau mich so bewegt hat, fällt mir im Nachhinein schwer. Irgendwie war es alles, als ob die Erkenntnis – die Weltformel – gleich zu fassen wäre, sie mir am Ende aber doch entwischt, und ich wieder zurückgeworfen werde.

Ich weiß nicht, was richtig oder falsch ist.
Ich weiß nicht, ob es das überhaupt gibt.
Ich weiß allerhöchstens, was ich mag. (Und was ich nicht mag vielleicht auch.)
Und ich weiß: Das ist meins.

 

30.09.2015  15:33

Ich weiß, dass ich mich manchmal falsch fühle.

 

30.09.2015  17:01

So viele schöne Menschen in Berlin – ich glaube, die meisten sind Touristen.